3 | 2014 Juli – September

Ein Objekt aus Stein und Licht

Ein tausendjähriger, äußerst seltener und wertvoller Bergkristallkrug aus der Sammlung de Unger kommt als Leihgabe ins Museum für Islamische Kunst.
 
Bergkristallkrug (Detail). Höhe: 30,7 cm. Museum für Islamische Kunst - Keir Collection / Sammlung de Unger. Foto: Christie's
Die Geschichte dieses fein gearbeiteten Kruges, den die Familie de Unger im Londoner Auktionshaus Christie's ersteigern konnte, war die Sensation auf dem britischen Kunstmarkt der letzten Jahre. Als »sleeper« (Schläfer) war das teure Stück durch die Presse gegangen, da es 2008 zunächst durch das Auktionshaus Lawrences im südwestenglischen Somerset als französischer Rotweinkrug für 100 bis 200 Pfund ausgepreist worden war. Der Hammer fiel bei 220000 Pfund. Es befanden sich anscheinend einige Experten islamischer Kunst im Publikum, die erkannt hatten, was der 30,7 cm hohe Krug wirklich war: ein tausendjähriger, ausgesprochen seltener und wertvoller Bergkristallkrug aus Ägypten. Aufgrund seiner besonderen kunsthistorischen Bedeutung und seines Wertes wurde die Auktion aus juristischen Gründen annulliert.
Das Objekt steht stellvertretend für die besondere Biografie der fatimidischen Bergkristalle. Ein Blick zurück nach Ägypten vor 1000 Jahren: Die schiitische Dynastie der Fatimiden herrschte dort von 969 bis 1171, bis der berühmte Sultan Salah al-Din/Saladin die Macht an sich riss und eine neue sunnitische Dynastie etablierte. Die Fatimiden hatten 969 Kairo (arab. al-Qahira: die Siegreiche) als Palast- und neue Hauptstadt ihres sich zeitweise über Nordafrika, Teile der arabischen Halbinsel und den syrisch-palästinensischen Raum erstreckenden Reiches gegründet. Unter den Fatimiden genoss Ägypten durch seine Rolle als Knotenpunkt des Handels zwischen dem Mittelmeer und Indien großen wirtschaftlichen Wohlstand. Letzterer wirkte sich äußerst förderlich auf die Kunst und Kultur aus. Die in fatimidischer Zeit errichteten Stadtmauern, Straßenzüge und Moscheen prägen bis heute das Stadtbild Kairos.
Die Pracht der zwei großen, von den Fatimiden errichteten Paläste kann heute allerdings nur noch anhand von Schriftquellen nachvollzogen werden. Die Kunstwerke dieser Zeit sind durch großen Einfallsreichtum im Dekor und technische Brillanz gekennzeichnet. Das Leben am fatimidischen Hof wird von Zeitzeugen als ausschweifend und luxuriös beschrieben. Darstellungen von Bankett-, Musik- und Gauklerszenen auf Kunstwerken unterstreichen diesen Eindruck. Entsprechend kostbarmüssen dieOb- jekte gewesen sein, mit denen sich die höfische Gesellschaft umgab. Davon zeugen nicht zuletzt die heute noch erhaltenen fatimidischen Kunstwerke selbst, die sich durch großes handwerkliches Können und kostbare Materialien auszeichnen. Ein zeitgenössischer Bericht spricht von 36000 Objekten aus geschliffenem Glas und Bergkristall. Beispiele hierfür sind äußerst fein gearbeiteter Schmuck, der die in Byzanz verbreitete Technik des Emaildekors aufgreift, golddurchwirkte Textilien sowie geschliffene Bergkristalle mit floralem oder figürlichem Dekor.
Bergkristalle wurden schon sehr früh als wertvolle Objekte nach Europa gehandelt. Die beiden fatimidischen Bergkristallgefäße an der Kanzel Heinrichs II. in Aachen müssen vor 1014 nach Deutschland gekommen sein. Nach den politischen Unruhen Mitte des 11. Jahrhunderts, als die Schatzkammern der Fatimiden aufgelöst oder beraubt wurden, gelangten vermehrt Objekte entlang der Handels- oder Pilgerrouten über das Mittelmeer nach Europa. Der Weg einiger kostbarer Bergkristalle ist belegt, z.B. aufgrund der durch Venedig initiierten Plünderung von Konstantinopel im Jahre 1204, die dem Tesoro San Marco nachweislich einige Bergkristalle beschert hat. Anderenorts haben sich Bergkristalle in der Zweitverwendung als Reliquienbehälter in Kirchenschätzen erhalten. In Deutschland befinden sich Bergkristallobjekte u.a. in den Kirchenschätzen von Quedlinburg, Halberstadt, Essen, Münster, Gandersheim und Hannover (heute im Museum), z.T. in einer Umnutzung als Reliquiare. Von besonderer Bedeutung sind die großen Bergkristallkrüge; allein im Palast der Fatimiden sollen 90 solcher Krüge benutzt worden sein, jedoch haben nur wenige die Wirren der Zeit überdauert: zwei in der Basilika San Marco in Venedig, einer in der Kathedrale Maria Santissima Assunta in Cielo in Fermo; ein Krug aus der Abtei Saint Denis bei Paris befindet sich heute im Louvre, ein weiterer im Victoria and Albert Museum London. Ein ebensolcher Krug des Palazzo Pitti glitt 1998 einem Mitarbeiter des Museo degli Argenti in Florenz aus den Händen und zersprang in tausend Stücke, der Krug des Kloster Grandmont wurde 1980 aus einem Museum in Limoges (Frankreich) gestohlen. Einfache, gleichwohl schöne Beispiele solcher Bergkristallkrüge gibt es auch in der David Sammlung in Kopenhagen sowie in der Eremitage in St.Petersburg.
Nun ist - eine Sensation - ein bisher unbekannter Krug aufgetaucht. Als das Stück im Oktober 2008 zur Auktion bei Christie's ausgeschrieben wurde, rechnete man mit einem Rekordergebnis von 10 bis 15 Millionen Pfund. Würde es der Aga Khan, ein Nachkomme der Fatimiden kaufen, um damit ein Juwel für sein neues Museum in Toronto zu erstehen (MJ 2/2010)? Oder aber würde wieder das Herrschaftshaus von Katar zuschlagen, das in den letzten Jahren für unzählige Millionen eine fantastische Sammlung für das neu gegründete Museum für Islamische Kunst in Doha zusammengestellt hatte (MJ 3/2008)?Niemand weiß bis heute, warum einige potenzielle Kunden sich bei der Auktion zurückhielten. Als der Hammer bei 2,8Millionen Pfund fiel, hatte Richard de Unger ein wahres Schnäppchen gemacht. Oft bekommt man eine solche Gelegenheit nicht: Der letzte Krug, der auf dem Markt zugänglich war, wurde 1862 durch das Victoria and Albert Museum gekauft.
In den Händen der Familie de Unger ist der Bergkristallkrug bestens aufgehoben. Die Keir Collection (MJ 2/2010) zeichnet sich durch eine besondere Beziehung zur Kunst der Fatimiden aus, die Edmund de Unger bereits früh zu sammeln begonnen hatte. Die Sammlung fatimidischer Bergkristalle ist exzellent und weltweit mit führend. Dementsprechend wurde in der Dauerausstellung des Museums für Islamische Kunst ein eigener Ausstellungsraum für fatimidische Bergkristallobjekte reserviert. Setzt man einen solchen Bergkristallkrug ins rechte Licht, erscheint die Materialität des Objekts als eine Mischung aus reinem Licht und transparentem Kristall. Feinste Ornamentik wurde durch kundige Hände aus dem harten Material herausgearbeitet. Eingerahmt durch Ornamentbänder erscheinen auf den zwei Seiten des Kruges angekettete Geparden. Auch auf den anderen noch erhaltenen Bergkristallkrügen findet man Tiere, wie Falken, Löwen etc., die meistens mit der Jagd assoziiert werden können. Geparden sind auf zeitgleichen Keramiken oder späteren Miniaturen öfter bei Jagdszenen oder zeremoniellen Umzügen des Hofes abgebildet. Die Jagd als höfischer Zeitvertreib war ein beliebtes Motiv bei der fatimidischen Oberschicht.
Typisch für den Dekor fatimidischer Bergkristallkrüge sind die kleinen, geschnittenen Linien oder gepunkteten Vertiefungen in dem leicht hervorstehenden reliefierten Dekor, die in unserem Beispiel das Fell des Geparden und den auslaufenden Schweif beschreiben. Der Schweif erscheint als Blütenkelch in der Form einer Palmettblüte. Halsband und Kette laufen in floralen Ranken aus und geben dem Ganzen eine verspielte Wirkung. Über die Herstellung dieser bedeutenden Werke wissen wir noch zu wenig. Wahrscheinlich wurden in einem ersten Schritt große Bergkristallblöcke grob zu der entsprechenden Form gehauen, um dann zunächst das Innere des Gefäßes auszuhöhlen. Dieses füllte man wahrscheinlich mit Wachs, um das sehr harte Material dann äußerst aufwendig von außen her so fein in einen ornamentierten Krug bearbeiten zu können, dass die Wandungen oft nur ein bis zwei Millimeter dick wurden. Allein von
Ihrer Materialität - Bergkristalle in dieser Größe sind äußerst selten - gehört dieser Krug zu den Monumenten islamischer Kunst.
Einige Objekte jener Zeit sind durch die Namen ihrer wahrscheinlichen Auftraggeber auch zu datieren. In die jeweiligen Krüge säuberlich eingearbeitet finden sich der Name des Kalifen al-'Aziz bi-llah (975-996), des Generals Husayn ibn Djawhar (1000-1008) in San Marco Venedig und dem Palazzo Pitti in Florenz. Der Kalif al-Zahir li-I'zaz Din Allah (1021-1036) wird auf einem Objekt im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg genannt. Kunsthistorisch lässt sich auch unser Krug einwandfrei in diese Gruppe einordnen und damit ebenfalls in die Jahre des späten 10. oder frühen 11. Jahrhunderts. Wie er von Kairo nach Europa kam, wissen wir nicht genau. Wahrscheinlich wurde er in Italien durch den Engländer Francis Mills, einen der Gründer des Garrick Club (1831), auf seiner Grand Tour gekauft. Seitdem befindet er sich nachweislich in England. Wegen der leichten Beschädigung hatte Mills die goldene Fassung bei dem bedeutenden französischen Goldschmied Jean Valentin Morel (1794-1860), Hofjuwelier von Queen Victoria, im Jahre 1854 in Auftrag gegeben. Ob er wusste, was er eigentlich besaß? Die Bedeutung des Stückes wurde von seinen Nachkommen vergessen, 2008 wurde es beim Auktionshaus Lawrences in die Auktion gegeben. Der Rest der Geschichte ist bis auf einen weiteren, für uns sehr wichtigen Aspekt in der Biografie des Objektes bekannt: Der kostbare Krug kommt nun als Leihgabe der Familie de Unger für hoffentlich viele Jahre in das Museum für Islamische Kunst.


Stefan Weber
Ein Objekt aus Stein und Licht, Museum für Islamische Kunst
Aus MuseumsJournal 3/2011, Aus den Sammlungen